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← Magazin 31. Mai 2026
Recht · No. I

GEMA, Streaming-Royalties und Art. 17 — eine Rechnung für DACH-Indie-Komponist:innen 2026

Spotify, Apple Music und Tidal vergüten sehr unterschiedlich; eine nüchterne Bilanz der Verlags-Anteile für deutschsprachige Indie-Komponist:innen über die GEMA.

Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, kurz GEMA, ist 1903 in Berlin gegründet worden und vertritt heute rund 80.000 Mitglieder in Deutschland. Ihre zentrale Aufgabe — die Wahrnehmung von Aufführungs- und Vervielfältigungsrechten — hat sich im Streaming-Zeitalter ökonomisch verschoben, ohne dass die rechtliche Konstruktion sich grundlegend geändert hätte. Eine genaue Bilanz für 2026 zeigt, was bei einer DACH-Indie-Komponistin pro Stream tatsächlich ankommt.

Die Royalty-Spreizung der Plattformen

Spotify bleibt 2026 der Volumen-Marktführer, zahlt aber pro Stream am wenigsten. Branchen-Auswertungen für 2025 weisen einen durchschnittlichen Auszahlungsbetrag von 0,003 bis 0,005 USD pro Stream aus — abhängig vom Land der Hörerschaft, vom Abonnement-Typ (Premium versus werbefinanziert) und vom Vertrag zwischen Plattform und Major-Verbund. Apple Music liegt nach eigenen Angaben bei rund 0,01 USD pro Stream und kommuniziert diesen Wert seit 2021 aktiv als Wettbewerbsargument. Tidal hat sein HiFi-Modell mehrfach umgestellt; die direkte Künstler:innen-Auszahlung über das Tidal-Direct-Modell liegt bei ebenfalls rund 0,01 USD pro Stream, im Standard-Tarif darunter. Amazon Music Unlimited liegt nach unabhängigen Auswertungen zwischen Spotify und Apple, näher an Apple. YouTube Music wird mit etwa 0,002 USD pro Stream auf der werbefinanzierten Schiene und rund 0,008 USD im Premium-Tarif kalkuliert.

Aufteilung zwischen Master und Verlag

Die wirtschaftlich entscheidende Frage ist nicht der Streaming-Cent pro Abspielung, sondern die Aufteilung. Pro Stream fließen typischerweise rund 55 bis 60 Prozent an die Recording-Rechte (also an das Label, das den Master kontrolliert) und rund 15 Prozent an die Verlagsrechte (also an die Komponist:innen über ihre Verwertungsgesellschaft). Die restlichen rund 25 bis 30 Prozent verbleiben bei der Plattform. Für eine in Deutschland GEMA-pflichtige Komponistin bedeutet das: Von einem Spotify-Stream mit einer Brutto-Auszahlung von 0,004 USD landen nach Plattform-Marge und Verwertungs-Verteilung etwa 0,0006 USD im Verlags-Topf, von denen wiederum die GEMA ihre Verwaltungspauschale (aktuell rund 15 Prozent) abzieht. Netto pro Stream bleiben damit Größenordnungen von 0,0005 USD oder rund 0,00046 Euro.

Die GEMA-Verteilungspraxis 2026

Die GEMA hat 2024 ihre Online-Verteilung erneut angepasst, um Streaming-Erlöse genauer zu erfassen. Die Verteilung erfolgt seither werkbezogen auf Basis der Plattform-Reports, nicht mehr — wie zwischenzeitlich praktiziert — über pauschale Hochrechnungen. Für deutschsprachige Indie-Komponist:innen mit klar zuordenbarem Repertoire ist das eine Verbesserung, weil die Verteilung näher an der tatsächlichen Hörnutzung liegt. Für Komponist:innen mit kleinen Stream-Zahlen bleibt die Auszahlung administrativ aufwendig — die jährliche GEMA-Hauptausschüttung im April konsolidiert die Streaming-Erträge, die monatlich von den Plattformen gemeldet werden. Eine Tomte- oder Kettcar-Komposition, die im DACH-Raum 100.000 Streams pro Jahr auf Spotify erreicht, generiert über die GEMA-Verlagsschiene damit eine Größenordnung von rund 45 bis 50 Euro pro Komponist:in und Jahr — bei mehreren Komponist:innen pro Werk entsprechend weniger.

Art. 17 der EU-Urheberrechtsrichtlinie

Die EU Copyright Directive — Richtlinie 2019/790, in Deutschland im Juni 2021 umgesetzt — hat mit dem damaligen Art. 13, im finalen Text Art. 17, die Haftung von Online-Plattformen für nutzergenerierte Inhalte verschärft. Plattformen wie YouTube, TikTok und Instagram müssen seither aktiv prüfen, ob hochgeladene Inhalte Urheberrechte verletzen, und Lizenzen mit Verwertungsgesellschaften abschließen. Für die GEMA bedeutet das: Sie hat seit 2021 Rahmenverträge mit den großen Plattformen, die UGC-Nutzung deutschsprachiger Musik abdecken. Wirtschaftlich relevant ist das vor allem für Komponist:innen, deren Werke in viralen TikTok-Clips oder YouTube-Cover-Versionen auftauchen — die Ausschüttungen liegen pro Werk meist im niedrigen zwei- bis dreistelligen Euro-Bereich pro Jahr, summieren sich im Repertoire eines aktiven Indie-Verlages aber spürbar.

Bilanz

Für eine DACH-Indie-Komponistin, die etwa bei Tomte, Kettcar oder Drangsal aktiv ist, bleibt Streaming ökonomisch eine Hintergrundgröße. Die Hauptauszahlung kommt weiterhin aus Live-Aufführungen (GEMA-Sparte E), Tonträger-Mechaniken (vor allem Vinyl, deren physische Vergütung pro Einheit ein Vielfaches eines Streams ergibt) und Sync-Lizenzen für Film, Serie und Werbung. Streaming finanziert die Reichweite, die diese drei Ertragsquellen überhaupt erst erreichbar macht — als eigenständige Einnahmequelle trägt es im deutschen Indie-Segment auch 2026 nicht. Wer das anders darstellt, rechnet die Mechanik der GEMA-Verteilung falsch.


Ressort: Recht