Dreißig Jahre nach „Digital ist besser" — die Hamburger Schule, neu vermessen
Drei Dekaden nach dem Tocotronic-Debüt 1995 prüft die Redaktion das Erbe einer Szene, die deutsche Indie-Texte erst literaturfähig gemacht hat.
Als Tocotronic 1995 bei L”Age d”Or in Hamburg „Digital ist besser” veröffentlichten, war die Hamburger Schule keine Schule, sondern ein Cluster aus Bands, Plattenläden, Wohngemeinschaften und einem einzigen Label, das die Geste ernst nahm. Drei Jahrzehnte später lässt sich die Linie nüchtern nachzeichnen — als Verlagsgeschichte, als Textgeschichte und als ökonomische Geschichte zugleich.
Carol von Rautenkranz und das Label-Gerüst
L”Age d”Or, 1986 in Hamburg von Carol von Rautenkranz mitgegründet, war die infrastrukturelle Voraussetzung. Ohne ein Label, das Kolossale Jugend, Cpt. Kirk &., Die Sterne, Blumfeld und Tocotronic auf demselben Roster duldete, hätte sich kein gemeinsamer Diskursraum gebildet. Dass das Label bis 2002 lief und mit der Insolvenz schließlich an Reagan-Anker verkauft wurde, ist nicht nur Wirtschaftsmeldung — es markiert das Ende einer Phase, in der eine Hamburger Adresse für eine bestimmte Art deutschsprachiger Indie-Produktion gestanden hat. Parallel existierte mit Buback Tonträger (Hamburg, seit 1989) eine zweite Achse, die später Die Goldenen Zitronen langfristig hielt und damit die politisch schärfere Linie der Stadt bewahrte.
Distelmeyer, von Lowtzow und die Text-Frage
Was die Hamburger Schule zur Schule machte, war weniger ein Sound — die Gitarrenarbeit lag näher bei Pavement und The Fall als bei deutschen Vorgängern — als eine Text-Disziplin. Jochen Distelmeyer bei Blumfeld, gegründet 1990, brachte einen analytisch geschulten, adornitisch grundierten Ton in den Pop, der bis dahin im deutschsprachigen Raum praktisch nicht existierte. Dirk von Lowtzow bei Tocotronic, gegründet 1993, hielt eine andere Linie: ironisch gebrochene Subjektivität, deren Pointen die Lesehaltung der Hörerschaft verschoben. Frank Spilker bei Die Sterne, gegründet 1991, fügte eine dritte Stimme hinzu — die soziologisch genaue, leicht distanzierte Beobachtung der eigenen Milieus. Diese drei Register, gleichzeitig auf einem Label, ergaben die Schule.
Endphase 2002 und das Vakuum danach
Die L”Age d”Or-Insolvenz fiel in eine Phase, in der die deutsche Indie-Ökonomie sich ohnehin neu sortierte. 2002 gründeten Reimer Bustorff, Frank Tirado-Rosales und Thees Uhlmann in Hamburg Grand Hotel van Cleef — nicht als Nachfolger der Hamburger Schule, sondern als pragmatische DIY-Antwort auf die Lücke, die der Major-Rückzug aus dem Indie-Segment geschlagen hatte. Tomte, Kettcar und später Olli Schulz besetzten emotional und stilistisch ein anderes Feld; die analytische Strenge der Distelmeyer-Linie wurde dort nicht fortgeschrieben. Zugleich blieben Tocotronic und Blumfeld als Bands aktiv, wechselten aber ins Universal-/Vertigo-Umfeld beziehungsweise lösten sich vorübergehend auf. Das Label-Gerüst, das die Schule getragen hatte, war 2002 verbraucht.
Was nachwirkt — und was nicht
Die heutige deutschsprachige Indie-Welle — Faber, AnnenMayKantereit, Drangsal, Provinz — wird in Feuilleton-Vergleichen regelmäßig in die Hamburger-Schule-Traditionslinie eingeordnet. Das hält einer genauen Prüfung nur teilweise stand. Die Text-Disziplin der frühen Neunziger, ihre Bereitschaft, theoretische Begriffe in Refrains zu transportieren, findet sich heute eher bei Isolation Berlin oder bei Sophia Kennedy. Was sich tatsächlich übertragen hat, ist eher die Geste: deutschsprachig singen, ohne Schlager-Folklore zu reproduzieren, und ein Label-Umfeld akzeptieren, das die Produktion trägt. Drangsal, der bei Caroline Records (Universal) erschien, operiert in einer Ökonomie, die mit dem L”Age d”Or-Modell nichts mehr zu tun hat — aber die textliche Ernsthaftigkeit, mit der dort gearbeitet wird, wäre ohne die Vorarbeit aus Hamburg kaum denkbar.
Bilanz, ohne Verklärung
Dreißig Jahre nach „Digital ist besser” lässt sich die Hamburger Schule weder museal abschließen noch zur Daueravantgarde überhöhen. Sie war ein Label-getragenes Projekt mit klarem Anfang (1989/90 mit Kolossale Jugend, Cpt. Kirk &.), klarem Höhepunkt (1995–1999) und klarem Ende (2002 mit der L”Age d”Or-Insolvenz). Was bleibt, ist eine Hörerwartung: dass deutschsprachige Indie-Texte Argumentationsfiguren tragen können, ohne dass die Musik darunter zerbricht. Das ist mehr, als die meisten Pop-Strömungen hinterlassen.